Job Description
Es zeigt sich oft im Laufe unseres Lebens, dazu hätten wir Sigmund Freuds Lehren vermutlich nicht gebraucht, dass es in uns Räume gibt, die ausgeleuchtet sind von unserem Blick auf uns selbst, aber auch andere Bereiche, die stets im Schatten liegen. Da gibt es Seelenteile im Dunkel, die uns selbst ein Rätsel bleiben und solche im Lichte des Bewusstseins. Jede Erzählung und jedes Drama handelt davon. Es sitzt, so denkt man oft, der große Dämon der Geschichte hinter der Bühne und würfelt unser Schicksal aus. Voll von symbolischen Gehalten, die uns als Betrachter in die Tiefen und Untiefen der Seele führen sind die Farbstiftzeichnungen des international renommierten Bühnenbildners Rudolf Rischer. (…)
Ästhetisch hallt Carol Reeds Wien-Klassiker „Der dritte Mann“, in Rischers Graphik wider. Berühmt für seine Low-Key Ästhetik und sein Spiel mit Unheimlichkeit und Bedrohung, vermittelt durch Schatten und Gegenlicht, dürfte der legendäre Film selbst dabei von Alfred Kubin inspiriert worden sein. Dieser begründete mit seinem psychographischen Symbolismus ein Genre der Graphik, in dessen Tradition auch Rischers Arbeiten ganz deutlich stehen. Der berühmte Nachkriegs-Krimi lässt sich auch für ein weiteres Merkmal zitieren: Im Film ist es die extreme Kamera in schräge Winkel, meist von unten. Rischers Räume dagegen sehen wir meist „von oben“. Sie bilden geistige Karten, räumlich erklärte Psychogramme. Der Auftritt des unbekannten Besuchers im grellen Gegenlicht, die Begegnung in der dunklen Gasse, die Heimlichkeit in verschatteten Ecken präsentieren jedoch nur eine Seite der Empfindung in Rudolf Rischers Graphik. Es leuchtet auch ein Licht, oft aus tiefer Quelle, und wirft lange Schatten. Manchmal inszeniert es eine Begegnung, so absichtsvoll, wie es auf der Bühne die Scheinwerfer tun. Die Bedeutung des Lichts ist nicht nur dramaturgisch. Es ist nicht nur das visuelle Medium des Erzählens, wo man zwischen Bericht und Geheimnis changiert. Das Licht steht auch für das Licht des Geistes, des Bewusstseins, für das Licht menschlicher Gegenwart, das in Begegnungen, durch die Sprache und durch das Bild ensteht.
Das Spiel mit Licht und Schatten erzeugt durchdachte, aber auch empfundene Bilder von Leichtigkeit und Schönheit. Geschickt verbinden diese das Nacheinander des Erzählens auf der Bühne mit der Gleichzeitigkeit und Ahnung, dienen Rischer zur Medienüberschreitung.
Bis vor drei Jahren war der Künstler ausschließlich dem dreidimensionalen Bühnenbild verpflichtet. Mit seiner Hinwendung zur mit Symbolkraft und Dramaturgie gestalteten Zeichnung hat Rudolf Rischer eine neue viel versprechende künstlerische Form für sich gefunden.
(Michael Brunner, Suppan Contemporary)